Spielen mit Licht #1 - Viel Licht oder wenig Licht?
🕑 Added 2022-12-22 15:12:06 +0000 UTCÜber das Licht auf meinen Fotos zu schreiben, fällt mir gar nicht so leicht. Nicht, weil das Schreiben an sich problematisch wäre, sondern weil für mich viele einzelne Bestandteile zusammenkommen müssen, um ein Bild zu machen, das mir gefällt.
In den nächsten Wochen möchte ich daher eine Serie von Posts veröffentlichen, in denen ich euch einzelne Aspekte meiner Sichtweise auf Licht bzw. meine Arbeitsweise damit näherbringen möchte. Mein Ziel ist es, dass ihr am Ende ein umfassendes Bild über die einzelnen Komponenten habt und wie ich sie bei einem Shooting einsetze bzw. bewerte. In jedem dieser Posts möchte ich euch auch Tipps zum Ausprobieren der besprochenen Punkte geben.
Wichtig ist mir bei diesen Ausführungen, dass es sich dabei lediglich um meine persönliche Sicht- und Arbeitsweise handelt. Um die Herangehensweise, die ich selbst aktuell für meine Bilder verfolge. Ich möchte damit aber nicht den Anspruch erheben, die einzige, die beste oder die sinnvollste Herangehensweise für Sensual- oder Nude-Fotografie im Allgemeinen darzustellen. Denn am Ende des Tages hängt gerade die Nutzung von Licht in der Fotografie sehr stark mit den persönlichen Präferenzen und den gewünschten Bildergebnissen zusammen. Ich beschreibe hier also nur die Arbeitsweise, mit der ich selbst es schaffe, Bilder zu erstellen, die meinem aktuellen Sinn von Ästhetik entsprechen.
Teil 1 - Viel Licht oder wenig Licht?
Manche Menschen sind erstaunt, mit wie wenig Licht ich teilweise fotografiere. Für mich sind die spezifischen Qualitäten des Lichts im Raum (Lichtrichtungen, Größe der Lichtquellen, Abstand zu ihnen, etc.) viel wichtiger als die absolute Lichtmenge. Aufgrund der technischen Entwicklungen der Kamerasensoren innerhalb der letzten Jahrzehnte stört mich Dunkelheit in Räumen heute nicht mehr, und einige meiner beliebtesten Bilder sind mit über 6.400 ISO, manche sogar mit über 12.000 ISO gemacht.
Aber *was* genau ist mir dann bei der Arbeit mit Licht wirklich wichtig?
Zuallererst: die Lichtrichtung. Das ist für mich - auf das Licht bezogen - der wichtigste Faktor. In meinen Bildern soll das Licht einzelne Elemente zeigen, andere sogar noch betonen und wieder andere Elemente verdecken. Den Begriff "Elemente" verwende ich hier relativ frei: es kann sich hier sowohl um Teile des Gesichts oder Körpers des abgebildeten Menschen handeln, als auch um Teile der Location. Auch der Begriff "das Licht" ist hier etwas vereinfacht, denn gerade Tageslicht kommt oft von vielen Seiten, wird von Wänden, Böden und Einrichtungsgegenständen reflektiert oder durch fotografische Aufheller/Abschatter gesteuert. Aber lasst uns aktuell mal nur auf die jeweils bildwichtigste/stärkste Lichtquelle konzentrieren.
Das ist vielleicht auch gleich der wichtigste Tipp, den ich euch geben kann: Versucht zuerst, die Fotografie mit einer Lichtquelle zu meistern, bevor ihr weitere Lichtquellen ins Spiel bringt. Um das im Kontext eines Home- oder Location-Shootings auszuprobieren, empfehle ich oft, einfach mal alle Lichtquellen außer einer zu eliminieren. Schaltet alle Lichter im Raum ab und verdunkelt alle Fenster, bis auf eines. Danach fotografiert einfach im Umkreis von einem bis drei Metern rund um dieses Fenster - ihr werdet erstaunt sein :)
Ich selbst beurteile danach die durch die Konzentration auf eine Lichtquelle entstehende Lichtrichtung im Kontext von zwei verschiedene Fragestellungen:
- Wie steht das Modell relativ zur Lichtquelle? Wo und wie trifft das Licht auf den Körper und das Gesicht des Modells? Welche Elemente werden hervorgehoben? Welche versteckt?
- Wie steht die Kamera relativ zum Modell und zur Lichtquelle?
Zu beiden Themen werde ich in den nächsten Posts noch mehr schreiben. Aber bevor wir darüber im Detail sprechen können - oder ihr in euren Bildern meine Herangehensweise ausprobiert - ist es wichtig, dass ihr euch Gedanken über die Belichtung bzw. damit einhergehende Bearbeitung (in Bezug auf die Bildkontraste) macht.
Die "korrekte" Belichtung - zumindest für meine Bilder :)
Wenn ihr die beiden Bilder im unten verlinkten PDF betrachtet, werdet ihr sofort merken, wie unterschiedlich sie wirken. Es handelt sich dabei eigentlich um das gleiche Bild, nur mit einer anderen Belichtung bzw. (Kontrast-)Bearbeitung. Einmal - in der ersten Version - die Belichtung und Bearbeitung, wie ich sie üblicherweise für meine Bilder wählen würde, und als zweite Version die "normale" Belichtung, wie sie euch eine Kameraautomatik vermutlich vorschlagen würde. Ich bevorzuge für meine Bildsprache die dunklere Version, die ich geringer belichtet habe und für die ich einen härteren Kontrast gewählt habe.
Der Hauptunterschied bei der Belichtungsbeurteilung ist folgender: Die meisten Kameraautomatiken versuchen, ein einigermaßen gleichmäßig helles Bild zu erreichen, da sie nicht künstlerisch-kreativ entscheiden können, welche Bildteile wichtig und welche unwichtig sind. Diese Frage können nur der/die Fotograf/in beantworten. Ich selbst nutze daher immer die manuelle Belichtung und wähle eine Zeit/Blende/ISO-Kombination, die die hellen (= die direkt beleuchteten) Bereiche des Körpers in einer dem Hautton angemessenen Helligkeit wiedergibt. Durch die kontrastreiche Lichtführung (mit einer Lichtquelle, die durch meinen Verzicht auf Aufhellung eine erkennbare Richtcharakteristik aufweist) wird die Schattenseite automatisch entsprechend dunkler. Diesen Helligkeitsunterschied verstärke ich meistens noch durch die Auswahl der Tonwertkurve für mittelstarken Kontrast. Auf der zweiten Seite im PDF seht ihr die kompletten Lightroom-Einstellungen dieses Fotos.
Tipps zum Ausprobieren:
- Probiert bei eurem nächsten Shooting einfach mal folgendes aus: Stellt eure Kamera auf den manuellen Modus, wählt einen kontrastreichen S/W-Bildstil in eurer Kamera, nehmt eine Festbrennweite von 50 mm - oder auch 85 mm, falls eure Location groß genug ist - mit 1.8 oder besser, öffnet die Blende eures Objektivs komplett, und wählt eine Belichtungszeit um die 1/250 bis 1/400 (außer es ist in der Location extrem hell, dann gerne auch noch kürzer).
- Falls ihr keine Festbrennweite in diesem Bereich habt: Überlegt euch wirklich die Anschaffung. Kostengünstige 50 mm (auf Vollformat bezogen, sonst 35 mm für APS-C) Festbrennweiten-Objektive gibt es für jedes Kamerasystem, und es gibt wenig, was eure fotografischen Möglichkeiten im Portrait- und Sensual-Bereich so stark vergrößern wird wie ein lichtstarkes Normalobjektiv.
- Schließt alle Fenster im Raum mit Ausnahme von einem. Wählt dazu unbedingt ein Fenster, das von der Sonne abgewandt ist, sodass kein direktes Sonnenlicht durch das Fenster in den Raum kommt, oder führt dieses Experiment an einem bedeckten Tag durch. (Sonst müsst ihr euch bereits jetzt um die Wirkung von vielen Reflektionen innerhalb des Raumes kümmern.)
- Bittet euer Modell, sich etwa ein bis zwei Meter vom Fenster entfernt hinzustellen und Richtung Fenster zu blicken.
- Stellt euch parallel zur Wand, in der auch das Fenster ist, auf Höhe des Modells mit eurer Kamera auf. Ein kleines Diagramm zur Verdeutlichung findet ihr ebenfalls in dem PDF, das ich unten verlinkt habe.
- Experimentiert danach mit der Auswahl des ISO-Wertes, um die gewünschte Bildhelligkeit in den hellen/beleuchteten Bereichen zu erreicht. Falls ihr euch nicht sicher seid, korrigiert gerne etwas weiter nach unten, sodass das Bild dunkler wird. Nehmt euch z.B. eines von meinen Bildern als Vorlage --- und lasst euch nicht überraschen, wenn ihr wirklich merklich dunkler werden müsst, als ihr erwarten würdet, um den Look vom ersten Bild oben zu erreichen.
- Bittet jetzt euer Modell, sich langsam um seine eigene Achse zu drehen (für eine halbe Drehung, sodass sie/er danach vom Fenster weg in den Raum blickt) und etwa sechs bis zehn Mal innerhalb dieser halben Drehung innezuhalten, sodass ihr jeweils ein Foto machen könnt. Betrachtet danach die entstandenen sechs bis zehn Bilder auf eurem Computer: ihr werdet merken, dass - durch die atypisch geringere Helligkeit gegenüber der Kameraautomatik - die Bildwirkung bei jedem Bild eine merklich andere ist und die Licht-/Schatten-Grenze sehr eindeutig sichtbar sein wird (falls nicht, wiederholt das Experiment mit noch geringeren ISO-Werten bzw. niedrigerer Belichtung).
- Wichtig: Ändert während dieses Experiments die Belichtung nicht mehr, um dem Drang nachzugeben, dass das Gesicht ja "hell" sein muss. Denn genau das macht auch meine Bildwirkung aus: Es sind wirklich nur die beleuchteten Körperpartien hell. Der Rest ist dunkel. Wenn ihr also einen Teil des Körpers hell (oder dunkel) zeigen möchtet, dann muss sich das Modell einfach entsprechend hin zum Licht oder weg vom Licht drehen. Die Belichtungseinstellung der Kamera bleibt aber unverändert. (Die Lichtmenge, die pro Quadratzentimeter auf den beleuchteten Teilen des Körpers auftrifft, bleibt während der Drehung schließlich auch unverändert - also muss man die Belichtung gar nicht anpassen, solange sich die Lichtsituation vor dem Fenster nicht gerade während der Drehung ändern sollte :))
- Ihr werdet merken, dass manche Drehungen (bzw. die daraus resultierenden Positionen eures Modells relativ zur Lichtquelle) Bilder ergeben, die euch gefallen, während andere Positionen weniger gut für Fotos geeignet sind. Dieses Experiment wird eine wichtige Basis für die weitere Entwicklung eures Verständnisses von Licht sein, denn ab jetzt kennt ihr einen einfachen Weg, um Bilder zu erstellen, die die Charakteristik des Lichts im Raum zeigen: Ihr müsst dazu einfach die Belichtung so wählen, dass lediglich die hellen (beleuchteten) Körperpartien auf dem Bild für euch richtig erscheinen und gleichzeitig (ganz ohne weitere Aufhellung) zulassen, dass die Schattenpartien wirklich dunkel werden. Zumindest mir hilft dieser Ansatz immer wieder dabei, zu sehen und zu verstehen, wie das Licht in dem jeweiligen Raum _wirklich_ fällt.
In den nächsten Posts werde ich euch zeigen, wie ihr aus diesem Basiswissen zur manuellen Belichtung in Umgebungen mit hohem Kontrast (und der Bildkontrast wird bei einem einzigen Fenster in einem Raum durchwegs sehr hoch sein) konkrete Posinghinweise für eure Modelle erarbeiten könnt. Ich werde auch zeigen, wie ihr euren Modellen helfen könnt, die Lichtwirkung auf ihrem Körper zu verstehen und sich bestmöglich im Licht zu bewegen.